Die Oberuferer Weihnachtsspiele
Ein wenig Hintergrundwissen
[wf] An jeder Waldorfschule hierzulande werden in
den Tagen vor Weihnachten die so genannten Oberuferer Weihnachtspiele -
das "Paradeisspiel" und das "Christgeburtspiel" - aufgeführt, dazu
noch am Dreikönigstag, dem 6. Januar des neuen Jahres, das
"Dreikönigspiel". Gespielt werden sie von Lehrern und Eltern,
manchmal auch unterstützt durch Oberstufenschüler/innen, als
ein Geschenk an die Schulgemeinschaft und an alle Menschen, die sich
von der besonderen Atmosphäre dieser Spiele in eine wahrhaft
weihnachtliche Stimmung versetzen lassen wollen.
Diese
Oberuferer Weihnachtspiele sind, davon ist mit großer Sicherheit
auszugehen, viele hundert Jahre alt und wurden noch bis weit in das 19.
Jahrhundert hinein in der Gegend von Pressburg, im ungarischen
Bergland, alljährlich von Bauernburschen aus Oberufer einstudiert
und aufgeführt. In einer Gegend also, in der damals noch ein
deutscher, an das Bayerische erinnernder Dialekt gesprochen wurde. Und
dort auch wurden vor ungefähr einhundertfünfzig Jahren die
Weihnachtspieltexte von Karl Julius Schröer, einem späteren
Lehrer und Freund Rudolf Steiners, "entdeckt" und aufgeschrieben. An
der Waldorfschule Neumünster wird das Christgeburtspiel seit
einigen Jahren in plattdeutscher Sprache aufgeführt.
Die heute meist gespielte Musik entspricht nicht mehr dem Original, sie
wurde auf Bitten Rudolf Steiners durch Leopold van der Pals etwa um
1910 herum komponiert.
Das im Vergleich zu den vielen anderen Weihnachts- und Krippenspielen
Einmalige an den Oberuferer Stücken ist ihre
Ursprünglichkeit, ihre Unverfälschtheit, die darauf
zurückgeführt wird, dass sich viele volkstümliche
Traditionen in einer vergleichsweise wenig entwickelten Gegend, wie der
um Pressburg herum, besser erhielten als in den großen
deutschsprachigen Gebieten. Und es lag vielleicht auch daran, dass die
dörfliche "Intelligenz", vor allem also Lehrer, Pfarrer und die
übrige "Obrigkeit", den Spielen meist reserviert bis ablehnend
gegenüber stand - es waren und blieben Spiele von Bauern für
Bauern.
Das
Amt des so genannten Lehrmeisters, der auch die Texte, die Kostüme
und Requisiten bewahrte, wurde oft vom Vater auf den Sohn vererbt. Und
in jedem Herbst - wenn nach der Ernte etwas mehr Zeit war - suchte sich
der Lehrmeister unter den Burschen des Dorfes diejenigen zusammen, die
er für geeignet hielt mitzuspielen. Geprobt wurde fast
täglich und die Gemeinschaft der Spieler - auch "die Kumpanei"
genannt - hatte sich während dieser ganzen Zeit strengen Regeln zu
unterwerfen. So durften die Burschen von der ersten Probe bis zur
letzten Aufführung "nicht zu Mädchen gehen", keine
"Schelmenlieder singen" und mussten überhaupt "ein ehrsames Leben"
führen.
Am ersten Advent begannen dann die Spiele und von nun an bis zum
Dreikönigstag zog die Kumpanei an jedem Sonn- und Feiertag in ein
anderes Dorf, um dort, meist im Gasthaus, ihre Spiele zu zeigen - an
jedem Mittwoch gab es eine Extra-Aufführung "zur Übung".
Die Zuschauer saßen auf Bänken an drei Wänden der
Gaststube. Gespielt wurde in der Mitte des Raumes - Paradeisspiel,
Christgeburtspiel und Dreikönigspiel hintereinander. Oft wurden
die Spiele sogar mehrere Male wiederholt, bis auch die letzten
Zuschauer gegangen waren. Wie ernst dabei der Kumpanei ihre Spiele
waren, erkennt man schon daran, dass sie ohne zu spielen weiterzog,
wenn in einem Dorf gerade "weltliche" Musik gespielt wurde...
All das ist sicher mit eine Erklärung dafür, dass die
Oberuferer Weihnachtsspiele auch heute noch eine ganz besondere
Atmosphäre ausstrahlen - eine unvergleichliche Mischung aus
einfachem, herzlichem Humor und einer tief empfundenen, schlichten
Frömmigkeit und Innigkeit, ohne dabei jemals sentimental zu wirken.
Quelle: Rudolf Steiner, Karl Julius Schroer: Von den Oberuferer Weihnachtsspielen und ihrem geistigen Hintergrund; Rudolf Steiner Verlag Dornach
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