Kunstprojekt: Malen im öffentlichen Raum

Eine Jahresarbeit von Lisa Hübner und Johannes Bosse

Jahresarbeiten zu einem selbstgewählten Thema, das Theorie und Praxis miteinander verbinden soll, gehören zum pädagogischen Konzept der Waldorfschule. Die Aufgabe, die künstlerische Ausgestaltung für den Gemeinschaftsraum einer Therapeutischen Jugendhilfeeinrichtung, das "Haus Narnia" in Mühbrook, zu übernehmen, das ist selbst für Jahresarbeiten an einer Waldorfschule eine besondere Herausforderung. Übrigens nicht nur für die jungen Künstler aus der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Neumünster, wie der folgende Bericht von Thomas Hölscher - Leiter des Hauses Narnia und Auftraggeber - zeigt:

Thomas Hölscher:
"Lass dir bloß nichts anmerken!

Immer wieder schießt mir dieser Gedanke durch den Kopf: "Lass dir bloß nichts anmerken!" - und gerade das ist nicht unbedingt meine Stärke. Ich bin auf dem Weg zur Waldorfschule Neumünster. Es ist Donnerstagabend, es wird schon dunkel. Mit Herzklopfen habe ich den Anruf erwartet. Eigentlich wollten die beiden Künstler, Lisa Hübner und Johannes Bosse, mich erst auf der offiziellen Präsentation mit ihren Werken überraschen. Doch das - hatte ich gemerkt - halte ich nicht aus. "Was, wenn mir die Bilder nun nicht gefallen? - Lass dir bloß nichts anmerken!" Ich bin auf dem Weg in die Schule, Lisa und Johannes haben es sich überlegt. Ich darf die Kunstwerke vorab sehen.

Wir kennen uns nun schon einige Monate. Immer wieder sind Lisa und Johannes bei mir gewesen. Wir haben über den Auftrag gesprochen: Der Gemeinschaftsraum der Therapeutischen Lebensgemeinschaft Haus Narnia, deren Leiter ich bin, sollte neu gestaltet werden. Lisa und Johannes haben sich mit den Aufgaben unserer Einrichtung vertraut gemacht, ließen sich das pädagogisch-therapeutische Konzept erklären und trafen sich mit den Jugendlichen.

Der Raum wurde ausgemessen. Immer wieder fragten Lisa und Johannes nach und zeigten erste Farbstudien. Aber von den langsam entstehenden Ergebnissen sah ich nichts. Ich wollte den beiden die größtmögliche Gestaltungsfreiheit geben:

Doch nun merke ich plötzlich, wenige Augenblick vor der öffentlichen Präsentation, welche Verantwortung ich trage. Ein Jahr lang haben zwei junge Menschen gearbeitet, gelitten und sich entwickelt. Konnten sie der schweren Aufgaben überhaupt gerecht werden?

Die Schule liegt im Abenddunkel. Von Weitem sehe ich die Lichter im Kunstraum. Die letzten Schritte scheine ich wie im Galopp zu nehmen. Unsicher begegnen wir uns - Lisa Hübner, Johannes Bosse und ich. Und Frau Rhoese, Kunstpädagogin und die künstlerische Mentorin des Projekts, ist auch da.

Langsam, behutsam enthüllen sie die Bilder vor meinen Augen. Ich kann es kaum fassen. Diese Bilder sind künstlerischer Ausdruck meiner inneren, seelischen Bilder! Ich bin zutiefst beeindruckt.

Liebe Lisa, lieber Johannes, auch wenn ich mir damals nichts habe anmerken lassen, wisst ihr, dass ihr mich mit eurer Auseinandersetzung und der Gestaltung eurer Bilder tief in meinem Herzen erreicht habt. Sie hängen jetzt im Haus Narnia und erfreuen uns alle sehr. ich möchte euch nochmals von ganzem Herzen danken!

Thomas Hölscher

  

Links die vier Hauptpersonen bei der Präsentation im Haus Narnia: Thomas Hölscher, Lisa Hübner, Johannes Bosse und Ursula M. Rhoese... Viele Gäste informierten sich, schauten, führten Gespräche... Mitarbeiter des Hauses begleiteten die Präsentation musikalisch...

Ursula M. Rhoese:
Malen im öffentlichen Raum

An einer Waldorfschule sollte jeder Schüler in der 12. Klasse eine eigenständige, mentorenbegleitete Jahresarbeit erstellen. Interessanteste Themen werden dabei bearbeitet. Themen, die die Schülerin und den Schüler ganz persönlich beschäftigen, vielleicht schon immer interessiert haben oder ganz neu in ihrem/seinem geistigen Kosmos erschienen sind und mit denen sich nun ein Jahr lang intensiv auseinandergesetzt wird. Irgendwie Anklänge an eine Schüler-Diplomarbeit lassen sich da erahnen. Auch für die Mentoren beginnt damit eine mehr oder weniger starke Vielbeschäftigung

Immer wieder und gerne werden künstlerische Themen gesucht.

Hier soll nun berichtet werden über eine solche künstlerische Arbeit, die auch deshalb einen besonderen Reiz hat, weil sie für jedefrau und jedermann - nach Terminabsprache, versteht sich - zu besichtigen ist. So ist diese Arbeit nie abgeschlossen, sondern muss sich sozusagen im aktuellen Leben bewähren, oder - wie Edward Munch es formulierte - auch ihre Kinderkrankheiten durchmachen, sich an den ihr zugewiesenen Wohnraum gewöhnen und diesen nun auch durch die einem Kunstwerk eigenen Wirkungen umgestalten und bereichern (hoffentlich). Darüber hinaus sollen sie auch die Welt menschlicher machen - eine Erkenntnis vieler Künstler, so auch des Malers Ernst Wilhelm Nay: "Bilder fügen dem Weltganzen ein Gran Liebe zu."

Für das hier vorgestellte Projekt fing alles an mit einem Wunsch von Thomas Hölscher, Leiter der Therapeutischen Lebensgemeinschaft "Haus Narnia": Bilder sollten die Gemeinschaftsräume in Mühbrook beleben. Diese Bilder wollte er eigentlich bei der Autorin, Künstlerin an der Waldorfschule Neumünster, käuflich erwerben. Woraufhin ich die Idee hatte, dass daraus eine künstlerische Jahresarbeit für Schüler werden könnte. Lisa Hübner und Johannes Bosse aus der damaligen 11. Klasse meinten der Belastung gewachsen zu sein, dieser Herausforderung standzuhalten und malten tapfer einer Veröffentlichung ihrer Arbeiten entgegen. Oder war es nicht auch so, dass sie vielleicht zu Beginn des Projekts noch gar nicht abschätzen konnten, welche Eigendynamik eine solche künstlerische Arbeit entwickeln kann ?

Wochenenden zum Ausspannen gab es auf jeden Fall lange nicht. Atelierwochenenden und Atelierabende dagegen gab es eine ganze Menge; viele Treffen, viele gemeinsame Arbeitswochenenden mit mir als der Mentorin und Kunstlehrerin; Unmengen von Papier für Studienzwecke, zur Findung des übergeordneten Themas. Geistige Akrobatik war gefordert genauso wie handwerkliche - bedingen sie sich doch immer so wunderbar gegenseitig im sinnlichen, dann metamorphosierten geistigen Begreifen eines Zusammenhangs. Studien, oder besser Nachschaffungen großer Meister waren ebenfalls angesagt, schließlich wollten die beiden jungen Künstler den Großen auf die Spur kommen, deren Gestaltungsgesetze nachschaffend verstehen.

Es ist gelungen, sehen Sie selbst!

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